Otjivero ein Sozialexperiment mit ungewissem Ausgang

Pro Kopf 100 N$. Ein signifikanter Unterschied für die Bevölkerung.
2008/01/15 11:44:22, 1st payout – Johannes Seibeb (born 2001-10-13) – children’s money is received by primary care-giver, Photographer: Dirk Haarmann

http://www.bignam.org/Pictures/Pilot%20Project/index.html

Im Jahre 2008 begann eine große Koalition (http://www.bignam.org/) aus lutheranischer Kirche, Gewerkschaften, AIDS-Hilfe und weiteren großen Netzwerken (BIG-Coalition) in Namibia experimentell die fast 1.000 Bewohner einer Ansiedlung mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) (auf englisch = Basic Income Grant, BIG oder Unconditional Basic Income, UBI) auszustatten mit der Absicht, der namibischen Regierung die Vorteile aufzuzeigen und sie dazu zu ermuntern, ein BIG landesweit einzuführen.

Namibia ist das Land mit dem höchsten Gini-Koeffizienten weltweit (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Einkommensverteilung).

Rund 100 km von der Hauptstadt Windhoek entfernt in Omitara befindet sich – eingeschlossen von 4 Farmen an einem Staudamm, also auf öffentlichem Grund – die Ansiedlung Otjivero. Menschen, die vorher auf den Farmen Arbeit gefunden hatten, waren hier sich selbst überlassen worden.

Die BIG-Coalition zahlte monatlich ein BGE in Höhe von 100 N$ – der Gegenwert von ca. 8 €. Die dazu benötigten Finanzmittel wurden im Vorfeld in der Zeit von 2005 bis Ende 2007 – zu großen Teilen in Deutschland – als Spenden gesammelt. Auch namibische Bürger beteiligten sich großzügig, beispielsweise der aktuelle Vize-Präsident, der wohl bei der kommenden Präsidentschaftswahl 2014 als Kandidat für die Präsidentschaft antreten wird.

Die Ergebnisse des Erfolges waren durchschlagend:
die Kinder konnten zur Schule gehen (in Namibia herrscht Schuluniformpflicht), die Mangel- und Unterernährung ging deutlich zurück und kleinere Geschäfte konnten sich aus der Bevölkerung heraus etablieren.
Damit war eindeutig bewiesen, dass das BGE im Hinblick auf Armutsbekämpfung eine große Wirkung hat. Gegner des UBI fanden viele Einwände, um das Projekt zu diskreditieren (http://www.az.com.na/soziales/kein-geld-big-projekt-gestorben.163398.php). Aber selbst Manager der Weltbank konnten nicht umhin zuzugeben, dass Entwicklungshilfe noch nie so durchschlagend war. Cash-Transfer erwies sich als ein wirksames Mittel, um Menschen ihre Würde zuzugestehen.

Das Projekt war auf zwei Jahre begrenzt. Bis Ende 2009 sollte die Zahlungen erfolgen. Die BIG-Colation bemühte sich vergebens, in der namibischen Regierung genügend Befürworter für ein landesweites BIG zu finden.
Nach dem offiziellen Ende des Modellprojektes wollte die BIG-Coaltion aus humanitären Gründen die Zahlungen fortsetzen, um die Menschen nicht wieder sich selbst zu überlassen. Wieder wurden Spenden gesammelt, denn vorher gemachte Zusagen waren ausgelaufen und Spendengeber wiesen ihre Aufwendungen nun anderen Projekten zu.

Ab Januar 2010 kamen noch 80 N$ zur Auszahlung. Damit konnte die BIG-Coalition für weitere zwei Jahre die Unterstützung sicherstellen. Mit dem Ende des Jahres 2011 schwand die Finanzdecke der BIG-Koalition. Sie rief über die Medien zu Spenden auf, doch ab 2012 kam es zu dramatischen Engpässen und ersten ausgesetzten Zahlungen.
Seitdem gibt es Monate, in denen das BGE nicht ausgezahlt wird, aber auch Doppelauszahlungen beispielsweise im Sommer 2012, wenn das Spendenaufkommen das zulässt.

Auf Nachfrage beim deutschen Partner KASA (http://www.kasa.woek.de/) bekam ich die Information, dass sämtliche Spenden auch weiterhin den Menschen in Otjivero ausgezahlt werden, also der Bevölkerung zu Gute kommt!
Was nicht so gut gelingt, ist die eigentliche politische Willensbildung in der Regierung voranzutreiben und die interne Koordination. Die Probleme vor Ort und ein erheblicher Mangel an Ressourcen – sowohl personellen, als auch materiellen – macht es für die verbliebenen Helfer sehr schwierig, beispielsweise zeitnah alle Anfragen bewältigen zu können.

Als Konsequenz aus den Erfahrungen mit Otjivero, Omitara, Namibia fasst die Koordinatorin für den Bereich südliches Afrika bei KASA, Simone Knapp, zusammen, dass „man den Menschen Raum geben und nicht etwa einen neuen Menschen entwickeln muss“.

Felix Coeln, Vorstandmitglied der Kölner Initiative Grundeinkommen e.V.
über ein Gespräch mit Simone Knapp,
Koordinatorin für den Bereich südliches Afrika bei KASA am Di, 2013-2-19 per Telefon

Diese Mail erreichte meinen Kollegen Henrik Wittenberg:

Sehr geehrter Herr Wittenberg!
Der zitierte Artikel ist uns nicht entgangen und paßt in die Reihe der BIG-kritischen Artikel in der Allgemeinen Zeitung. Er beschreibt mit sher crassen Worten das, was seit Ende der vollfinanzierten Projektphase einfach Fakt ist, nämlich dass nur anhand des Spendenaufkommens der Grant in entsprechender Höhe ausgezahlt werden kann.

Die VEM bietet sich weiterhin als Spendenübermittler für das BIG an, hat aktuell wieder eine hohe Summe zur Unterstützung bereit und hofft aber nun auch, dass ein Folgeantrag für die Fortsetzung und Ausweitung des BIG bei einem großen Hilfswerk [?] Erfolg haben wird.

Beste Grüße aus Wuppertal,

Uli Baege
Partnerschaften & Projekte / Partnerships & Projects

Otjivero-Ausstellung, Poster, GvW

Poster zur Ausstellung: „Otjivero, Omitara: Dorf der Zukunft – Grundeinkommen in Namibia“

Ergänzung:

Die Kölner Initiative Grundeinkommen e.V. hat Ende 2012 einen Spendenmarathon durchgeführt, durch den 6.479,- € gesammelt werden konnten. Dieses Geld ist in verschiedenen Beträgen nach Otjivero zur BIG-Coalition überwiesen worden und wird selbstverständlich den Menschen ausgezahlt.

http://www.bgekoeln.de

http://www.spendenaufruf-otjivero.de/

Nachtrag, 20.4.2013:

Vortrag aus Bremen vom 11.4.2013 zu Otjivero – aktueller Bericht

http://www.youtube.com/watch?v=lAgSEj1CSb0&feature=youtu.be

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