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kritischer Beitrag zum neuen KLuSt-Vorstand und der Debate darüber im Pride-Salon

Ich möchte gerne einen etwas kritischeren Beitrag beisteuern:

die Debatte gestern ging am eigentlichen Thema vorbei – während des Pride-Salons war mir die ganze Zeit völlig unklar, um was es eigentlich ging.

Der Beitrag von Christian Naumann hat mir durchaus geholfen, einen Zugang zu finden – besonders der Hinweis darauf, dass er sich nicht vertreten fühlen würde, wenn nur Hetero-Männer im KLuST-Vorstand wären.

In mir blieb allerdings ein unbestimmbar flaues Gefühl im Magen.

Mein Ausbruch, dass man doch bitte die Bemühungen von Männern, die um Verständnis und Verständigung ringen, nicht bereits im Keime ersticken möge, war Ausdruck dessen, was ich subtil als Unwohlsein empfunden habe.

Draußen habe ich auf Nachfrage dann entdeckt, dass es in Wirklichkeit um persönliche Konflikte ging – die aber ohne Unterstützung durch die Gemeinschaft nicht auflösbar sind (für mich absolut eine Parallele zum BGE, bei dem es auch darum geht, dass das Individuum bedingungslos unterstützt und getragen wird von der Gemeinschaft).

Ich habe während meines Beitrages zum BGE darauf verwiesen, dass – nach meiner persönlichen Erfahrung – (Frauen-)Quoten keineswegs notwendig sind, um Gleichberechtigung faktisch zu leben. Anstatt das als Information aufzunehmen, wurde darauf gedrängt, dass doch bitte der Pride-Salon nicht zur Parteien-Wahlkampf-Arena verkommen solle (es geht nicht darum, wer das sagte, sondern dass es scheinbar einhellig Zustimmung fand).

Schade, eine echte Chance vertan.

Für mich fühlt sich das an, wie zu Zeiten meines Coming Out:
da muss ich gegen den äußeren Widerstand hinweg meine Überzeugungen mit Vehemenz vertreten, wobei mir das dann im Umkehrschluss wieder vorgeworfen wird, dass ich keinen entspannten Umgang damit habe oder anderen etwas aufdrängen will.

Und ich gehöre nun wirklich nicht zu den Menschen, die mit ihren persönlichen Anliegen hausieren gehen. Wie aber soll man über etwas reden, wenn man nicht sagen darf, in welchem Zusammenhang es stattgefunden hat? Wir haben keinen Wahlkampf. Wir haben aber eine Partei, die schon in der ersten Version des Grundsatzprogramms Emanzipation als Grundprinzip enthalten hat. Sie ist die einzige Partei in einem unserer Parlamente, die das BGE darin verankert hat. Sie ist die Partei, die sich selbst als „post-gender“ bezeichnet und bewiesen hat, dass sie es kann:
auf der Aufstellungsveranstaltung zur BTW 2013 haben auf den ersten 5 Plätzen 2 Frauen Einzug gefunden, der Spitzenplatz wurde durch eine Frau bekleidet. Auf dem Platzierungswahlgang wurden auf den 32 KandidatInnen 2 offen schwule und 2 Trans*-Menschen gewählt. Alles ohne Quote. Es geht also sehr wohl („http://wiki.piratenpartei.de/NRW:Aufstellungsversammlung_2013.1/Ergebnisse“).

Das ist noch kein Ergebnis, das Entwarnung für das Gender-Thema zulässt – ganz sicher nicht;
genauso wenig wie erreichte Ergebnisse der LGBTIQA-Emanzipation das zulassen.
Aber es gibt Beispiele, die zeigen, dass es besser läuft, dass etwas Erfolgversprechendes in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist, dass es sich lohnt in der Richtung weiter zu machen.

Unfein finde ich, dass wir in unseren eigenen Reihen grundsatzkonservativ sind und neue Entwicklungen keinen Chance bekommen, weil wir zu schnell dabei sind mit vernichtender Kritik.

Wie ich übrigens mehrmals während des Abends feststellen musste, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ich wünsche mir eine Atmosphäre innerhalb des Pride-Salon, in der wirklich alles angesprochen werden darf, in einer Stimmung der Gleichen unter Gleichen. Selbst kritische Fragen sollten gestellt werden dürfen.

Eine Stimmung, in der „Group-Thinking“ Oberhand gewinnt, wird keine echte Auseinandersetzung ergeben, sondern ausschließlich eine Kultur der Zensur, der „Schere im Kopf“, des nur noch Ansprechens was mehrheitsfähig erscheint.

So etwas brauche ich nicht im 540 tausendsten Aufguss. Das habe ich seit ich denken kann als gesellschaftliches Symptom einer konfliktscheuen Gesellschaft vorliegen.
„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Rosa von Luxemburg („http://de.wikiquote.org/wiki/Rosa_Luxemburg“)

Was wäre denn, wenn in den KluST-Vorstand 5 Frauen gewählt worden wären?
Hätte es dann einen Aufschrei gegeben, dass der KluSt nun zum KLT verkommt?
Nun, was mich betrifft, kann ich eindeutig sagen: „Nein!“ (aber ich weiß sehr wohl, dass es genügend ewig Gestrige gibt, die dieses Gejammere anstimmen würden – namentlich von schwuler Seite. Damit identifiziere ich mich nicht und für mich kann das auch kein Maßstab sein, mich daran zu orientieren, was ich NICHT will.)  

Ich würde es begrüßen, hätten sich 5 Frauen gefunden und wären dort gewählt worden. Ich hätte keineswegs das Gefühl gehabt, dass diese mich nicht repräsentieren können.

Das führt mich direkt zu r nächsten Frage:

was ist das mit dem KluSt, dass schon seit Anbeginn an Konflikte darum bestehen? Können wir in der Community nicht anders, als uns ständig gegenseitig die Augen auskratzen?

Oder ist das ein Phänomen, dass man allgemein bei linken bzw. progressiven Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft antrifft?

Welche Rolle kommt dem KluST und dessen Vorstand eigentlich zu? Sind sie die RepräsentantInnen der gesamten Community?

Oder sind sie die Arbeitstiere, die logistisch für den reibungslosen Ablauf des CSD und damit Europas größter Demonstration für Emanzipation und Menschenrechte bzw. BürgerInnenrechte sorgen?

Was mich betrifft, möchte ich mit keinem von ihnen tauschen – ich habe genug an Arbeit und kann mir nicht noch mehr auflasten. Umso mehr finde ich es ungehörig, dass wir denen, die gerade erst gewählt wurden eine Ohrfeige verpassen, in dem wir einen Vorwurf formulieren, dass sei kein Vorstand, der die Interesse der Community vertrete, weil keine Frauen darin sind.

Ernsthaft?

Und dann wird auch die Frage, „Ja wieso haben sich keine zur Wahl gestellt?“ zusätzlich mit dem Tabu belegt, dass man diese Frage ja gar nicht stellen dürfe, dass es daran liege, dass es kein Klima gebe dafür, dass Frauen sich einbringen würden.

Nee, das kann ich als Argument nicht gelten lassen – für mich klingt das erneut wie ein KO-Kriterium, es wird verlangt, dass man doch gefälligst Gedanken lesen zu können habe. Wenn sich denn dann jemand um Dialog bemüht wird das wiederum gegen ihn verwendet. Und die Frage danach, ob das nicht das eigentlich ablehnungswürdige paternalistische Verhalten sei, wenn von oben herab „die Hand gereicht! würde, ist für mich auch noch nicht abschließend geklärt.

In der Psychologie nennt man solche Kommunikations-Prinzipien „Double-Bind“ und werden meist als Grundlage von passiv aggressivem Verhalten eingesetzt. Und beides sind Symptome einer gescheiterten echten Gleichberechtigung.

Ich habe nichts dagegen, dass man sich Gedanken macht und sich bemüht, ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung zu kultivieren – aber genau das habe ich vermisst bei der Debatte, die gestern stattfand. Eher habe ich Lagerbildung angetroffen, die ich schon in der Vergangenheit vorfand und mich zum Rückzug aus der Szene bewogen hat – das würde ich ungern wieder erleben. Denn ich mag mich nicht mehr aus allen Gruppen zurückziehen, weil Menschen ein Klima der Feindseligkeit untereinander kultivieren, scheinbar dem vorziehen, was als friedliche Koexistenz bekannt ist, oder von mir bevorzugt als echte Kooperation angesehen werden kann.

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